„Mit aicore™ heben wir die Intelligenz von Kühlsystemen auf ein neues Level“

Ein Gespräch über Digitalisierung, Cloud-Technologien und die Zukunft nachhaltiger Kälte- und Klimatechnik

Ein Interview mit Jörg Köcher, CDO & Head of IOT Controls Solutions

Digitalisierung, Cloud-Technologie und künstliche Intelligenz verändern die Kälte- und Klimatechnik grundlegend. Anlagen werden zunehmend intelligenter, effizienter und nachhaltiger – und gleichzeitig komplexer. Mit dem aicore™ concept bietet Güntner eine umfassende Lösung, die lokale Steuerung mit datenbasierten Cloud-Services verbindet und so einen echten Mehrwert für Betrieb, Service und Nachhaltigkeit schafft.

Die Marke aicore™

Welche Vision verfolgt Güntner im Bereich IoT und Digitalisierung?

Unsere Vision ist es, durch Digitalisierung und IoT-Technologien einen entscheidenden Beitrag zur Nachhaltigkeit und Effizienz industrieller Kühlsysteme zu leisten – entlang des gesamten Produktlebenszyklus: von der Herstellung über den Betrieb bis hin zum sogenannten „End of Life“ und der Rückführung in die Kreislaufwirtschaft.

Im laufenden Betrieb liegt der Fokus auf maximaler Energieeffizienz und hoher Anlagenverfügbarkeit. Gleichzeitig werden die Systeme durch die zunehmende Komplexität der Komponenten immer anspruchsvoller – und qualifiziertes Wartungspersonal wird knapper und teurer. Deshalb setzen wir auf intelligente, digitalisierte Plug-and-Play-Lösungen, die sich selbst optimieren und so sowohl die Betriebssicherheit als auch die Effizienz gewährleisten. Das ist besonders wichtig angesichts des sich weiter verschärfenden Fachkräftemangels.

Ein weiterer zentraler Aspekt unserer Vision ist die Verlängerung der Produktlebensdauer. Wo möglich, soll repariert statt verschrottet werden. Genau hier kommt unser aicore™ concept ins Spiel: Es ermöglicht datenbasierte Analysen, die diese Prozesse nicht nur unterstützen, sondern aktiv absichern – ein entscheidender Schritt hin zu einer nachhaltigen, zukunftssicheren Kühltechnologie.

Ein zentrales Element zur Umsetzung dieser Vision ist das aicore™ concept, mit dem wir schon heute datenbasierte Lösungen auf der Plattform aicore™ cloud bereitstellen und kontinuierlich weiterentwickeln.

Was steckt hinter der Marke aicore™ bzw. dem aicore™ concept – und warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für die Einführung?

Das aicore™ concept steht für eine ganzheitliche Lösung – von der Geräteebene bis in die Cloud. Es vereint die bewährten lokalen Regel- und Steuerungsfunktionen mit einer state of the art Konnektivität und intelligenten Cloud-Services. Dadurch werden unsere Systeme nicht nur vernetzt, sondern auch deutlich intelligenter. Die Grundlage dafür bilden datengetriebene Analysen auf Basis statistischer Verfahren und Künstlicher Intelligenz.

Wir befinden uns aktuell in einer spannenden Lernphase, in der wir konkret erleben, welches Potenzial dieser datenbasierte Ansatz bietet. Gleichzeitig beobachten wir, dass KI- und Cloud-Technologien zunehmend auch im industriellen Umfeld auf breite Akzeptanz stoßen – sie sind sozusagen „salonfähig“ geworden.

Ein weiterer wichtiger Faktor war in der Vergangenheit oft die Kostenfrage – insbesondere im Hinblick auf die Konnektivität. Die Kosten standen lange nicht im Verhältnis zum erwartbaren Nutzen. Mit Güntners „Cloud-ready“ aicore™ Controllern haben wir jedoch eine Lösung geschaffen, die wirtschaftlich überzeugt: Dank der nahtlosen Integration von Hardware, Software und Cloud-Services erreichen wir eine kurze Amortisationszeit und ermöglichen einen wirtschaftlich tragfähigen Einstieg in die digitale Transformation.

Zu den Produkten & Lösungen

Welche Rolle spielt Cloud-Computing und Datenanalyse sowie KI in der Steuerung und Optimierung von Systemen mit aicore™?

Cloud-Computing, Datenanalyse und Künstliche Intelligenz spielen eine zentrale Rolle in der Steuerung und Optimierung unserer Systeme mit aicore™ – insbesondere, wenn es um eine ganzheitliche und langfristige Betrachtung geht. Dank dieser Technologien können wir Anlagen über große Zeiträume hinweg überwachen und optimieren – nicht nur einzeln, sondern auch standortübergreifend und in Gesamtsystemen.

Dabei ist entscheidend, dass wir auch Datenquellen einbeziehen, die bislang kaum berücksichtigt wurden: etwa Wetterdaten und -vorhersagen, individuelle Reglereinstellungen oder die Kombination verschiedener Betriebsparameter. Solche Informationen entfalten ihr volles Potenzial erst, wenn sie im Kontext analysiert werden – also in ihren Zusammenhängen und mit Blick auf langfristige Entwicklungen.

Denn nicht mehr allein kurzfristige Schwellwerte oder Alarmgrenzen sind entscheidend, sondern die Analyse von Langzeit-Trends: In welche Richtung entwickelt sich die Anlage? Wo kündigen sich schleichende Effizienzverluste oder Verschleißerscheinungen an? Genau hier liefert die Cloud die nötige Rechenleistung und Skalierbarkeit, um aus großen Datenmengen konkrete, handlungsrelevante Erkenntnisse zu gewinnen.

Ein weiterer Vorteil liegt im Datenaustausch mit Komponentenherstellern – etwa für Ventilatoren oder Pumpen. Durch die gemeinsame Analyse erhalten Hersteller tiefere Einblicke in das Verhalten ihrer Komponenten im realen Betrieb – Einblicke, die wir als Anwender gar nicht in dieser Tiefe generieren könnten. So lassen sich beispielsweise Aussagen zur Restlebensdauer treffen oder Empfehlungen aussprechen, ob ein Refurbishment im Sinne der Kreislaufwirtschaft sinnvoll wäre.

All das zeigt: Die Komplexität moderner Systeme und die Vielfalt der Daten übersteigen längst das, was der Mensch allein überblicken oder bewerten kann. Die entscheidende Frage ist daher für mich nicht ob, sondern wie wir Cloud-Computing und KI nutzen – und wie wir den größtmöglichen Nutzen für unsere Kunden, Partner und die Umwelt daraus ziehen können.

Welche Lösungen bietet aicore™ konkret – und für welche Anwendungen sind sie besonders geeignet?

Die Lösungen von aicore™ lassen sich auf zwei Ebenen betrachten: die Steuerungs- und Feldebene einerseits sowie die Connectivity- und Cloud-Ebene andererseits.

Die Steuerungs- und Feldebene bildet die Grundlage für den sicheren Anlagenbetrieb. Sie ist so konzipiert, dass ein Höchstmaß an Verfügbarkeit und Betriebssicherheit auch unabhängig von Cloud-Diensten gewährleistet ist. Die übergeordnete Connectivity- und Cloud-Ebene hingegen ermöglicht den hocheffizienten Betrieb der Anlagen und ist damit ein zentraler Baustein des gesamten aicore™ concepts. Diese Effizienz betrifft nicht nur den Energie- und Wasserverbrauch, sondern auch die Schonung von Materialressourcen über die verlängerte Lebensdauer von Komponenten – bis hin zur gezielten Nutzung in der Kreislaufwirtschaft und dem optimierten Einsatz von qualifiziertem Fachpersonal.

Auf der Steuerungs- und Feldebene bietet aicore™ mit Lösungen wie aicore™ air und aicore™ fusion moderne Controller für unterschiedlichste Anwendungen – und das über den gesamten Jahres- bzw. Klimazyklus hinweg. Im Winterbetrieb übernehmen die Systeme etwa die präzise Regelung von Bypassventilen und Luftaufstau über die sogenannte NCC-Funktion. In der Übergangszeit sorgt die LCMM-Funktion für einen energetisch optimierten Betrieb im unteren Teillastbereich. Während des Normalbetriebs wird eine bedarfsgerechte Luftmengenregelung für den Wärmetauscher gewährleistet. Und im Spitzenlastbetrieb, beispielsweise an besonders heißen Tagen, erfolgt eine gezielte und optimierte Regelung der Wasseraufgabe bei adiabater Kühlung – etwa über Systeme wie HydroBLU™ oder Spray. Dabei wird auch die jeweils optimale Wasseraufgabe berechnet und geregelt, um eine ressourcenschonende Kühlung sicherzustellen.

Darüber hinaus ermöglichen die Controller auch erweiterte Funktionen wie Freie Kühlung und Wärmerückgewinnung. Für die Koordination mehrerer Güntner Geräte stehen übergeordnete Bedieneinheiten wie das aicore™ master Panel zur Verfügung. Die Integration in bestehende Systemumgebungen erfolgt über gängige Feldbusprotokolle wie Modbus, Modbus IP, BACnet, Profibus oder Profinet.

Auf der Connectivity- und Cloud-Ebene wird der eigentliche Mehrwert generiert – weit über konventionelle Regelsysteme hinaus. Die Plug-and-Play-fähige aicore™ link-Einheit ermöglicht die bidirektionale Übertragung von Daten in die aicore™ cloud, wo diese mithilfe statistischer Verfahren und Künstlicher Intelligenz analysiert werden. Daraus ergeben sich zahlreiche konkrete Vorteile: So können Anomalien frühzeitig erkannt und potenzielle Ausfälle prognostiziert werden. Gleichzeitig lässt sich die Energieeffizienz der Anlagen gezielt optimieren. Darüber hinaus werden klare, handlungsrelevante Empfehlungen generiert – entweder direkt im übersichtlichen Dashboard oder durch aktive Benachrichtigungen. Auch die sichere Fernparametrierung der Anlage ist über die Cloud möglich, was insbesondere bei verteilten Systemen und begrenzten Vor-Ort-Kapazitäten einen erheblichen Vorteil darstellt.

Diese Services unterstützen unsere Kunden – insbesondere Anlagenbauer – dabei, trotz Fachkräftemangels ein hohes Serviceniveau aufrechtzuerhalten und gleichzeitig dem Endkunden einen sicheren, effizienten Betrieb zu garantieren.

aicore™ kommt in zahlreichen Branchen zum Einsatz und ist in allen Märkten einsetzbar – ob in Datacenter Cooling, HVAC-Anwendungen oder der klassischen Kältetechnik. Alle profitieren von den zukunftsweisenden Technologien und der intelligenten Verknüpfung aus Regelung und Datenanalyse.

Wie unterscheiden sich die aicore™ Produkte von bisherigen Steuerungslösungen am Markt?

Die aicore™ Produkte unterscheiden sich wesentlich von herkömmlichen Steuerungssystemen durch ihr durchgängiges, Plug-and-Play-fähiges Ökosystem vom Sensor bis zur Cloud. Es ermöglicht die intelligente Verbindung klassischer Regelungsfunktionen mit den erweiterten Möglichkeiten der Cloud-Technologie – in einer bisher nicht erreichten Tiefe und Integration.

Während sich viele marktübliche Systeme auf die minimal notwendigen Betriebsdaten beschränken und diese lediglich an ein übergeordnetes Monitoring weitergeben, geht aicore™ deutlich weiter. Die Lösung verarbeitet Massendaten aus unterschiedlichsten Quellen, über lange Zeiträume hinweg und auch standortübergreifend. Diese Daten werden lokal aufbereitet, mithilfe moderner Controller, die gleichzeitig als Edge Devices fungieren. So entstehen umfassende digitale Zwillinge der Geräte – inklusive Sensorwerten, Aktorzuständen, berechneten Kennzahlen sowie Regelparametern. Diese strukturierte und kontextbezogene Datenbasis ist die Grundlage für präzise Analysen und ermöglicht damit eine neue Qualität in der Überwachung, Optimierung und vorausschauenden Instandhaltung komplexer Kühlsysteme.

Diese strukturierte und kontextbasierte Datenaufbereitung ist essenziell für aussagekräftige Analysen – von der Effizienzoptimierung bis zur vorausschauenden Wartung. Damit bieten Cloud-ready Controller von aicore™ nicht nur klassische Regelungsfunktionen, sondern eröffnen eine neue Ebene der Systemintelligenz.

Wie funktioniert die Integration von aicore™ in bestehende Systeme?

Auch bei der Integration unterscheidet sich aicore™ zwischen der Steuerungs- und Feldebene und der Connectivity- und Cloud-Ebene.

Auf Steuerungs- und Feldebene ist die Integration dank vielfältiger Schnittstellen flexibel möglich:

So unterstützt das System standardisierte Feldbusprotokolle wie Modbus, Modbus IP, BACnet, Profibus oder Profinet und lässt sich alternativ auch über analoge oder digitale Signale anbinden. Durch anpassbare Betriebsmodi und Parametrierungen ist ein individuelles Zusammenspiel mit bestehenden Anlagenkomponenten problemlos möglich. Damit fügt sich aicore™ nahtlos in verschiedenste Systemarchitekturen ein – unabhängig von Hersteller oder Anlagentyp.

Auf Connectivity- und Cloud-Ebene stehen moderne Standards wie REST-APIs zur Verfügung. Damit lassen sich große Datenmengen effizient in kundeneigene Systeme einbinden – sei es zur Automatisierung von Verbrauchsberichten oder für die Integration von z. B. CO₂-Footprint-Daten, deren Bedeutung stetig zunimmt. So wird aicore™ problemlos Teil bestehender IT-Infrastrukturen und liefert wertvolle Informationen für den nachhaltigen Anlagenbetrieb.

Relevanz und Mehrwert

Welche Vorteile bietet aicore™ konkret für Entscheidungsträger in der Kälte- und Klimatechnik?

aicore™ bietet eine ganze Reihe von Vorteilen, die gerade für Entscheidungsträger in Planung, Betrieb und Service von Kälte- und Klimasystemen relevant sind. Im Zentrum stehen dabei messbare Verbesserungen in Effizienz, Transparenz und Ressourcennutzung.

Durch intelligente Steuerung, kontinuierliches Monitoring und datenbasierte Optimierung wird eine hohe Energieeffizienz und maximale Verfügbarkeit der Anlagen sichergestellt. Gleichzeitig sorgt aicore™ für vollständige Kostentransparenz über den gesamten Lebenszyklus – von den Betriebskosten bis hin zu Wartungsaufwänden. Auch in Bezug auf CO₂-Emissionen schafft das System Klarheit: Relevante Daten werden erfasst, visualisiert und stehen für Nachhaltigkeitsberichte, ESG-Ziele oder regulatorische Anforderungen zur Verfügung. Darüber hinaus leistet aicore™ einen wertvollen Beitrag zur Entlastung personeller Ressourcen, indem es digitale Wartungskonzepte, automatisierte Zustandsüberwachung und vorausschauende Instandhaltung ermöglicht.

All das hilft dabei, komplexe Systeme sicher und effizient zu betreiben – selbst bei steigenden Anforderungen und schrumpfenden personellen Kapazitäten.

Wie trägt aicore™ zur Energieeffizienz und Nachhaltigkeit in der Anwendung bei?

aicore™ kombiniert modernste Regelungstechnik mit datengestützter Intelligenz und schafft so eine neue Dimension der Energieeffizienz. Durch die gezielte Auswertung von Betriebsdaten lassen sich Anlagen dynamisch an wechselnde Rahmenbedingungen wie Wetter, Auslastung oder Lastprofile anpassen. Das spart nicht nur Energie, sondern verlängert auch die Lebensdauer einzelner Komponenten – ein direkter Beitrag zur Ressourcenschonung.

Zudem ermöglicht aicore™ eine deutlich verbesserte Nachhaltigkeitsbilanz: CO₂-Emissionen werden erfasst, visualisiert und in den Kontext des Gesamtbetriebs gesetzt. Das schafft die Grundlage für gezielte Maßnahmen zur Emissionsreduktion – und macht nachhaltiges Handeln messbar und nachweisbar.

Blick in die Zukunft & persönliche Note

Wie sehen die nächsten Entwicklungsschritte für aicore™ aus?

Unsere Reise mit aicore™ ist längst nicht abgeschlossen – im Gegenteil: Die nächsten Entwicklungsschritte zielen klar darauf ab, das volle Potenzial von Cloud-Technologie, Datenanalyse und KI für den realen Anlagenbetrieb noch umfangreicher nutzbar zu machen.

Im Mittelpunkt steht dabei die Weiterentwicklung intelligenter Algorithmen, die in der Lage sind, generativ konkrete Handlungsempfehlungen zu erstellen. Gleichzeitig soll durch tiefere datenbasierte Einsichten eine weitere Steigerung der Effizienz und Betriebssicherheit erreicht werden. Ein zentrales Zukunftsthema ist zudem die engere Vernetzung mit Komponentenherstellern, um durch den systematischen Datenaustausch beispielsweise Aussagen zur Restlebensdauer oder zur Kreislauffähigkeit einzelner Bauteile treffen zu können.

So entsteht ein Ökosystem, das nicht nur steuert und regelt, sondern aktiv vorausschauend denkt.

Was begeistert Sie persönlich an aicore™ und dem Wandel in der Branche?

Mich persönlich fasziniert, welche neuen Möglichkeiten uns Cloud-Technologie und insbesondere KI eröffnen – gerade in einem Bereich, der lange stark durch konventionelle Regelungstechnik geprägt war. Wir lösen heute mit datenbasierten Ansätzen Herausforderungen, die wir mit klassischen Methoden über Jahre hinweg nicht vollständig bewältigen konnten.

Besonders spannend finde ich das Thema Prognose: Durch Modelle und Mustererkennung können wir Entwicklungen frühzeitig erkennen, Risiken minimieren und Effizienzgewinne realisieren, die früher schlicht nicht denkbar waren.

Wir sind mitten in einem grundlegenden Wandel – und haben gerade erst begonnen. Mit jedem Schritt lernen wir dazu und erkennen, welches enorme Potenzial in der intelligenten Nutzung von Daten, Analytics und KI liegt. Diese Reise mitzuerleben und mitzugestalten, ist für mich persönlich eine der spannendsten Entwicklungen in unserer Branche.